Garagen in der Literatur – Rückblick auf zwei Lesungen im Chemnitzer Kulturhauptstadtjahr 2025

Ein Gastbeitrag von Burkhard Müller

Die Garage, das war in der DDR noch etwas anderes als in der alten BRD. Im Westen war die Garage so etwas wie das Wohnzimmer des Autos, möglichst dicht am Haus dran, wenn es ging ins Haus sogar einbezogen, wie es sich für ein Mitglied der Familie gehört. Im Osten hingegen befanden sich die Garagen, wie auch die Gärten, meist in erheblichem Abstand zu ihren Besitzern – es gab hier nur wenige Eigenheime, der typische Stadtbewohner lebte in einer Großplatte, und wie in eine solche Platte Dutzende Familien passten, so wurden auch Gärten und Garagen zu größeren Gruppen zusammengefasst, fußläufig zu erreichen (wichtig, das Auto war ja abgestellt!), doch meist außerhalb der Sichtweite von daheim.

Das mochte lästig sein, bedeutete aber nicht nur einen Nachteil. Gärten und Garagen stellten im Osten, wo die Leitung sich um die umfassende Integration ihrer Bürger in Partei, Jugendorganisationen, Arbeits- und Ausbildungsplatz, Hausgemeinschaft und Ferienheime bemühte, einen Ort dar, in dem eine Gemeinschaft existierte, die nicht, wenigstens nicht direkt, zentraler Kontrolle unterstand. Diese Gartensparten und Garagenkomplexe organisierten sich selbst, ohne dabei aber, wie es bei den Kirchen der Fall war, in Opposition zum Staat zu treten. So konnte man Freizeitaktivitäten und Sozialkontakte außerhalb offizieller Aufsicht gestalten und erregte doch keinen Argwohn dabei.

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Garagen erzählen – Zwei Literaturabende in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz

Die Garage war in der DDR einer von den wenigen Räumen, der sich nicht unmittelbar unter der Kontrolle von Staat, Partei und Betrieb befand. Der Garagenhof stand allen offen – allen, die es geschafft hatten, ein Automobil zu ergattern. Hier war Platz zum Basteln, Schrauben, Horten, Grillen und Trinken, hier funktionierte ein informelles und ungesteuertes Zusammenleben, das dem Individualismus Platz ließ. Die meisten Garagenhöfe überdauerten das System und die Zeit, sie haben von ihrer Faszination nichts eingebüßt. Keine Überraschung also, dass die ostdeutsche Garage als Sehnsuchts- und Alltagsort eine so große Rolle in der Literatur spielt. An zwei Abenden im Oktober spüren wir gemeinsam mit Lutz Seiler und Burkhard Müller im Weltecho Chemnitz dem Motiv der Garagen in der Literatur nach. Die Lesungen sind Teil des Kulturhauptstadtprogramms Chemnitz2025 und werden durch „EUJA! Initiativprojekte für das Kulturhauptstadtjahr“ der Sparkasse Chemnitz gefördert.

Beide Veranstaltungen finden jeweils 20 Uhr im Weltecho, Annaberger Str. 24, 09111 Chemnitz, statt. Der Eintritt ist frei.

Garagen erzählen – Lesung mit Lutz Seiler am 6. Oktober 2025, 20 Uhr

Lutz Seiler, preisgekrönter Bestseller-Autor (u.a. „Kruso“), liest am 6. Oktober 2025, 20 Uhr unter dem Motto „Garagen erzählen“ aus seinem Werk, in dem die Garage immer wieder eine zentrale Rolle spielt und spricht mit dem Publikum über die literarische Bedeutung der Garage. Ausgewählte Bücher des Autors werden vor Ort erhältlich sein.

Geschichten vom Ort, wo Autos und Menschen sich treffen – Lesung mit Burkhard Müller am 20. Oktober 2025, 20 Uhr

Der Literaturkritiker und Dozent der TU Chemnitz Burkhard Müller liest am 20. Oktober 2025 ausgewählte Geschichten verschiedener Autorinnen und Autoren vor „vom Ort, wo Autos und Menschen sich treffen“.